Vertrauen in die Gasanlage

Kurt Schidt (Köln) Nr. 7 13. Februar 1943 HANSA Deutsche Schiffahrtszeitschrift. 161

Wenn eine neue Sache eingeführt werden muß scheinen sich oft die Schwierigkeiten die dagegen stehen zu einem unübersteigbaren Berg aufzutürmen. Es sind wirtschaftliche, technische, bedienungsmäßige Bedenken die den auf dem bisherigen Wege erreichten Entwicklungsstand zu gefährden scheinen.

Sieht man dann daß einige Beherzte den Berg hinauf klettern so sagen die im Tal Verbliebenen »Welch sinnloses Beginnen sie werden nicht hin auf kommen und umkehren!« Aber sie kommen nicht wieder; es scheint ihnen schon das Steigen gefallen zu haben und sie scheinen sich auf dem Berg wohnlich ein zurichten. Dann folgen einige weitere dem Beispiel. Man hört daß sich auf dem Berg gut leben läßt und stellt fest daß die dort oben gar keine Sehnsucht haben wieder herunter zu kommen.

Schließlich wird das Steigen Sport und am Ende jammert niemand mehr man weiß überhaupt nicht worüber und warum man geklagt hatte.

Es ist erfreulich festzustellen daß der Gasbetrieb von Fahrzeugen und Schiffen mit festen Brennstoffen die angedeutete Entwicklung zu gehen scheint. Kürzlich besuchten Vertreter einer Behörde um sich zu unterrichten den Maschinenmeister der Gasschlepper eines Betriebe der ihnen mitteilte daß die zwölf ihm unterstellten Fahrzeuge kaum mehr zur W erft kämen da die geringen Instandhaltungsarbeiten im eignen Betrieb erledigt würden.  Die Schiffe befänden sich ständig in Fahrt Unfälle seien sogar geringer als an den früheren Dieselmotoren.

Ein solch günstiges Zeugnis kann allerdings nicht die Regel sein es wird aber hier vermerkt weil es der Wahrheit genau entspricht und deshalb beachtenswert ist. Es bestätigt daß der Mensch der umsichtig und guten Willens ist sich an geänderte Verhältnisse gewöhnen und diese absolut beherrschen kann.

Dazu kommt noch eine Tatsache: Erst wenn die Aufgaben vorliegen und mit Dringlichkeit behandelt werden erhält die technische Entwicklung den Vortrieb der nötig ist um in kurzer Zeit Bestleistungen der technischen Gestaltung des Verbrauches an Betriebsmitteln der Ver einfachung der Bedienungsarbeit usw. zu erzielen. Wenn heute z. B. gesagt wird daß die Schiffsgasanlage wohl für Langstreckenschlepper in der Binnenschiffahrt die mit einer hohen PSeh-Zahl im Jahr rechnen die gegebene An triebskraft sei keineswegs aber für Binnenfrachtschiffe Selbstfahrer mit ihrer Raumbeschränkung so enthält diese Schlußfolgerung ohne Zweifel einen richtigen Kern. Wenn aber nun die Brennstofflage dazu zwingt auch diesen Schiffstyp für Gas einzurichten so ist es erst dieserZwang der den Weg zur raumsparenden Anlage finden läßt. Da mit wird der Mehraufwand der Gaskraftanlage gegenüber der Dieselkraftanlage wesentlich verringert.

Naturgesetze allerdings dulden keine Verleugnung. Kohle wird z. B. für die gleiche Leistung stets mehr Raum und Gewicht fordern und weniger vorteilhaft im Schiff unterzubringen sein als Oel oder das Otto-Verfahren wird aus sich heraus nie gleich günstige Anlaß- und Umsteuerungseigenschaften haben können wie das Diesel-Verfahren Das sind dann die Reste des ehemals unübersteigbar scheinenden Berges von Schwierigkeiten. Diese Mängel gilt es zu meistern und teilweise oder vollständig durch wirtschaftliche Vorzüge auszugleichen.

Aehnlich steht es um die Angst vor wirklichen oder vermeintlichen Betriebsgefahren, zumal wenn diese durch warnende Rufe von Nicht-Praktikern geschürt wird. Der alte Praktiker lächelt es zeigt sich daß nur ein Vertraut werden mit der neuen Betriebsart und Befolgung einfacher grundlegender Vorsichtsmaßnahmen genügt um auch dieses Schreckgespenst zerstieben zu lassen.

Allerdings dürfen die Schiffseigner und -Führer welche jetzt ihre Dieselanlagen umbauen lassen nicht vergessen. Die Umbaumöglichkeit ist bereits ein großes Glück das den weiteren Betrieb des Fahrzeuges gewährleistet eine umgebaute Anlage kann aber nie die Geschlossenheit, Uebersichtlichkeit und einfache Betriebsweise einer von vornherein für den Gasbetrieb entworfenen neuen Anlage besitzen. Die heute auf Gas übergehen haben nicht die Erfahrung jener die es vor fünf Jahren taten.

Außerdem beginnen die Umbauten erst an zulaufen. Da muß man ein wenig Geduld haben denn auch auf diesem Sondergebiet müssen Erfahrungen gesammelt werden nur zum Teil lassen sich die mit Neubauten ge wonnenen Ergebnisse auf Umbauten übertragen. Die heute vorliegenden Umbau-Erfahrungen berechtigen zu guter Hoffnung. Es scheint das bislang in der Praxis ja noch nicht erprobte Zündstrahlverfahren den Erwartungen zu entsprechen. Besonders hat der Uebergang vom Diesel betrieb Anlassen über Diesel-Gasbetrieb auf reinen Zünd-strahl-Gasbetrieb nach einigen Versuchen und Anpassungen durchaus befriedigt. Ebenso haben die ersten Kanal fahrten gezeigt daß die Sorge die hier notwendige niedrige Drehzahl nicht halten zu können unberechtigt war.

Zweck dieser Zeilen soll es sein das Vertrauen zur Gasanlage zu stärken. Da es sich beim Uebergang vom flüssi gen auf den festen Brennstoff um eine nationale Notwendigkeit handelt muß jeder, der in diese Umstellung eingeschaltet ist mit Freude dazu beitragen den vollen Erfolg zu sichern. Den besten Mut wird er er halten wenn er mit erprobten Maschinisten und Kapitänen von Gasschiffen spricht. Nehmen wir als Thema beispielsweise die Frage der Betriebsgefahren.

Der bewährte Maschinist wird zunächst feststellen daß auf seinem Schiff noch nie ein Unfall zu verzeichnen war. Er wird dem Neuling beweisen daß im Maschinenraum weder vor dem Anlassen noch nach dem Stillsetzen ein Gasgeruch zu bemerken ist. Warum nicht? Nicht etwa weil das Gas geruchlos sei – das sind nur einzelne Gasarten im Gemisch. Sondern weil die Naturgesetze gelten: Gas strömt stets ebenso wie Flüssigkeit vom höheren Druck zum niederen. Nun wird der Gaserzeuger aber immer gesaugt. Im Stillstand ist er nichts anderes als ein Füllofen wie er zu Tausenden in Wohn- auch Schlaf-Räumen zu finden ist. Im Kamin steigt das warme Verbrennungs-Gas hoch erzeugt daher im Ofen einen leichten Unterdrück und das Bestreben Verbrennungsluft durch den Rost anzusaugen. Der Gaserzeuger wirkt also als Raumentlüfter. Im Betrieb übernimmt diese Saugarbeit der Schleuderwäscher oder der Motor die entlüftende luftverbessernde Wirkung des Gaserzeugers ist somit nur größer. Wenn also jemand von gasgeschwängerter Luft um den Generator herum spricht, so bezeugt er daß er sich noch nie überlegt hat, wie der Gaserzeuger im Stillstand und im Betrieb überhaupt arbeitet. Lediglich zwischen Wäscher und Motor kann ein leichter Ueberdruck entstehen. Dieses Rohrleitungsstück verhält sich dann genau so wie die Leuchtgasleitung die in der Haushaltsküche zum Gaskocher führt. Die Hausfrau weiß 1. daß die Leitung dicht sein muß 2. daß nach Oeffnen eines Hahnes das Gas entzündet werden muß.

Nicht mehr wird auch vom Gas-Maschinisten verlangt und es ist doch leichter eine Gasleitung gegen 4 Tausendstel at dicht zu halten als eine Dampfleitung beispielsweise gegen den drei- oder fünfzehntausendfachen Betrag Dasselbe gilt vom Motor Er muß dicht sein. Das soll auch der Dieselmotor für den Gasmotor ist es aber von be sonderer Wichtigkeit. Daß man Gas nicht einatmen soll ebenso wenig wie man Heißdampf einzuatmen pflegt ist doch auch wohl als Selbstverständlichkeit zu betrachten.

Wenn als Zündöl nicht reines Gasöl sondern ein Kraftstoff niederen Flammpunktes verwendet wird so ist das eine Sache für sich die mit dem Gasbetrieb nichts zu tun hat und besonders auch beim Dieselmotor Vorsichtsmaß nahmen verlangt.

Wenn nun gesagt wird: Aber das Anzünden des Gaserzeugers ist sehr gefährlich so ist zunächst zu erwidern, daß z. B. der Schiffsgaserzeuger des Rheinschlepper Harpen I binnen acht Betriebsjahren nur einmal angezündet worden ist. Dieses Anzünden aber unterscheidet sich in nichts vom Anzünden eines Stubenofens. Was soll also das Angstmachen Der Schiffsbetrieb ist anders als der Kraftwagenbetrieb

Es soll mit diesen Hinweisen natürlich nicht dem Leichtsinn das Wort geredet werden. Ueberlegung und Verant wortungsbewußtsein muß man von jedem deutschen Maschinisten und Hilfsarbeiter verlangen. Die Lieferwerke haben zu diesem Zweck ausführliche Bedienungsanleitun gen ausgearbeitet gleicherweise für Gaskraftanlagen wie für Diesel- und Dampfkraftanlagen. Diese Vorschriften sind dazu da beachtet und befolgt zu werden. Auch die zuständigen Berufsgenossenschaften haben sich der Auf gabe unterzogen und Richtlinien herausgegeben.

Es ist in der Fachliteratur mehrfach betont worden  daß ein Schiffs-Gaserzeuger und besonders sein Drehrost-Gaserzeuger weitgehend selbsttätig arbeitet. So verwickelt die Umsetzungen und Vorgänge Oxydations-Reduktions-Schwel- und Trockenzone scheinen mögen; Sie rollen im richtig konstruierten Gaserzeuger ohne Eingriffe ab. Da meist auch die Aschenaustragung selbsttätig ist und vielfach die Brennstoffausgabe so verbleibt dem Bedienungsmann nur die allgemeine Betreuung und Ueberwachung. Da Kohle kein genormter sondern ein naturgewachsener Brennstoff ist, die verschiedenen Koks- und Schwelkokssorten auch stark untereinander abweichen, wird er das verschiedene Verhalten verschiedener Brennstoff beobachten und beispielsweise durch Aenderung des Dampfzusatzes zur Vergasungsluft Erfahrungen sammein und ihnen künftig Rechnung tragen. Um ihm dabei  entgegenzukommen hat z. B. Deutz Vorbereitungskurse eingerichtet wo das in jahrelanger Praxis erworbene Erfahrungsgut anschaulich übermittelt und die nötigen Grundlagen über die Vergasung die Arbeitsweise des Motors usw. mitgeteilt werden.

Der Beitrag den alle am Schiffsbetrieb Beteiligten vom Reeder bis zum Schiffsjungen lingen der Umstellung von flüssigen auf feste Brennstoffe leistenmuß. seine Wurzeln in freudiger Bejahung der gestellten Aufgaben haben. Es ist dann am vollen Erfolg nicht zu zweifeln.

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