Aktiengesellschaft für Trebertrocknung

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Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft” 1903, Seite 69

Bei der Verbindung der Leipziger Bank mit der Aktiengesellschaft für Trebertrocknung in Cassel dagegen lag das Ziel in der grösstmöglichen Ausbeutung vermeintlich wertvoller Patente, die erst die Probe ihrer Brauchbarkeit und Ausnutzbarkeit zu liefern hatten.

In beiden Fällen sollte aber die Vergrösserung der betreffenden Industrie-Unternehmungen zur Erweiterung der Geschäftstätigkeit der beteiligten Banken benutzt werden.

Den Weg, welcher die Casseler Gesellschaft zu ihrem Ziele führen sollte, bezeichnet deren Verwaltung in einem an ihre Aktionäre gerichteten Zirkulare vom 6. Februar 1901 selbst mit folgenden Worten:

»Es ist in unseren wiederholten Berichten an die Generalversammlungen mehrfach erörtert worden und dadurch hinlänglich bekannt, welche Motive uns geleitet haben, als wir vor fünf Jahren die Holzdestillation in den Kreis unserer Geschäftstätigkeit einbezogen : wir wollten unseren Trockenapparaten ein neues, grosses Verwendungsgebiet gewinnen und am Absatz der Holzdestillations-Produkte, deren kommissionsweisen Verkauf wir uns sicherten, kaufmännische Gewinne erzielen. Ebenso ist aus unseren Berichten bekannt, welche Verhältnisse zur Bildung von Tochtergesellschaften gefuhrt haben, und welche Beziehungen zwischen diesen und uns sich entwickelt haben. Wir verkauften den Gesellschaften die Licenzen unserer Destillationsverfahren, lieferten die zur Ausrüstung der Anlagen erforderlichen Maschinen und Apparate und erzielten beträchtliche Gewinne.
[….] Ingenieur Bergmann in Neheim, welcher zuvor in der Holzvcrkohlungs-Industrie nie tätig gewesen war, kam auf die Idee, an Stelle der bisher fast allgemein verarbeiteten Harthölzer, Holzabfälle aller Art zu verwerten, wie die Holzkleie von Sägewerken, die beim Auslaugen von Gerb- und Farbhölzem hinterbleibenden Späne etc.

Derartige Abfälle stammen aber in der Hauptmenge von den zur Destillation wenig geeigneten Weichholzern.

Diese Verwertung war indessen schon seit Jahrzehnten, selbst in grossem Massstabe, aber ohne Erfolg und unter grossen Geldverlusten versucht worden.

In der erwähnten General-Versammlung wurde von der Direktion der Trebergesellschaft weiter gesagt:

»Das Bergmann’sche Verfahren ist in den deutschen Patenten Nr. 65447 vom 31. Januar 1891, Nr. 80624 vom 14. März 1893 und Nr. 8S014 vom 25. September 1895 geschützt und besteht in einer kombinierten Reihe von Arbeitsprozessen, die zum Zwecke haben, Holzabfällen ihren natürlichen Feuchtigkeitsgehalt zu entziehen, sie alsdann zu Briketts zu pressen und hierauf wie gewöhnliches Holz in Retorten zu verkohlen.

[…]

Nach einigen Versuchen in einer Probeanlage in Buckau b. Magdeburg schritt man sofort, noch ehe genügende Erfahrungen gesammelt waren, zur Ausbeutung der Patente im Grossen.

In dem Geschäftsberichte der Trebergesellschaft für 1896/97 heisst es: »Wir schlossen nun zunächst mit einer Anzahl Privatpersonen Verträge, bei welchen wir uns neben dem Alleinvertrieb der Produkte einen grösseren Gewinnanteil als Licenz vorbehielten, und veranlassten alsdann im Auslande die Bildung von verschiedenen Aktiengesellschaften zwecks Errichtung grosser Fabriken nach unserem System. So entstanden zu diesem Zwecke auf unsere Veranlassung im Laufe eines Jahres Aktiengesellschaften in Finnland, Bosnien, Galizien, Russland, Norwegen, Frankreich und Italien mit einem Aktienkapital von insgesamt ca. 21 Millionen Mk.«

[…]

In ihrer Broschüre vom November 1899 sagt die Direktion unter anderem :

»Die Aktiengesellschaft für Trebertrocknung ist eine technische und kommerzielle Zentralstelle fiir Holzdestillation geworden. Von hier aus wurden unter unausgesetzten Forschungen, Untersuchungen und Versuchsarbeiten unserer Techniker und befreundeter Männer der Wissenschaft neue Prinzipien, Verfahren und Apparate in den eigentlichen Destillationsprozess eingeführt und uns teils auf unseren, teils auf den Namen von Freunden patentlich geschützte

Als Versuchsstation fungierte besonders das Werk in Weisswasser.

Die Erzeugung von Calcium Carbid, des Rohstoffes für Acetylengas , vermittelst eines neuen elektrizitätslosen Verfahrens, welches in Neheim erprobt wurde, die Anfertigung von feuerfesten Steinen aus Bergmann’scher Holzkohle, die Gewinnung von Graphit aus der letzteren und dessen Verwendung zu Elektroden, ferner eine neue Holzimprägnierungs-Methode, sollten die Prosperität der Trebergesellschaft und ihrer Tochterwerke zu steigern berufen sein.

Von Professor Claassen in Aachen wird ein neues Patent erworben, bei dem es sich um die Verwertung von Holzresten durch Umwandlung in Zuckerlösung und Spiritus handelt.

Auf Grund einer ebenfalls von Professor Claassen gemachten Erfindung wird in Altona von Direktor Schmidt und Exner eine Eiweiss- und Fleischextrakt-Erzeugungsgesellschaft m. b. H. (Tori!) als Gegeninstitut contra Liebig ins Leben gerufen, bei welcher sich die Trebergesellschaft beteiligt.

In dem Geschäftsbericht 1899/1900 heisst es: »Mit wesentlichen Beträgen haben wir uns an der kontinentalen Hochofen-Gasgesellschaft m. b. H. in Dortmund, dem Dr. Kellner-Syndikat in Wien, einem grossen Holz- und Waldgeschäfte in Russland und mit kleineren Beträgen an einer Reihe anderer Unternehmungen beteiligt. Bei der Konkurseröffnung besass die Trebergesellschaft 270 In- und Auslandspatente, 6 Gebrauchsmuster und 2 Warenzeichen, deren Erwerb Hunderttausende gekostet, deren Aufrechterhaltung enorme Summen verschlungen hatte. Der Konkursverwalter hoffte aus allem 45 000 Mk. zu lösen.

Da von den Tochtergesellschaften ein wirklicher Reingewinn nie erzielt wurde, geschweige denn der von Cassel garantierte, so floss auch niemals bares Geld an das Mutterhaus zurück.

Geldquelle für die Trebergesellschaft blieb fast stets, wenn auch oft indirekt, die Leipziger Bank. Direktor Schmidt trassierte auf die letztere ganz eigenmächtig je nach Bedarf. Um die Trebergesellschaft und damit sich selbst nicht zu diskreditieren, war die Bank gezwungen, die von dritter Seite vorgelegten Tratten zu acceptieren.

B. Der Geschäftsverkehr der Leipziger Bank mit der Trebergesellschaft.

Die Verbindung der Leipziger Bank mit der Aktiengesellschaft für Trebertrocknung in Cassel war im Jahre 1895 durch Vermittlung der Bankfirma Steinsieck & Co. in Berlin eingeleitet und im Jahre 1896 mit Gewährung eines Blanko-Kredits von 200 000 Mk., der bereits im Februar desselben Jahres auf 500 000 Mark erhöht wurde, zu einer ständigen geworden.

Genannte Firma hatte schon längere Zeit mit der Trebergesellschaft in Geschäftsverkehr gestanden. Als sie befürchtete, die zur Erwerbung und Ausbeutung des Bergmann’schen Patentes notwendig werdenden grösseren Kredite nicht allein beschaffen zu können, sodass ihr die Casseler Verbindung durch Berliner Grossbanken ausgespannt werden würde, suchte sie Verbindung mit einer Provinzbank, damit die Trebergesellschaft gezwungen war,  sie nebenbei als Vertretung für Berlin beizubehalten. Gleichzeitig sollte die Emission neuer Treberaktien vorbereitet werden.

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