Schwarz macht Weiss

Strahlendweisse Zähne sind ein Versprechen auf vielen Zahnpastatuben. Nun soll ausgerechnet ein tiefschwarzes Pulver für weisse Beisser sorgen. Es gibt eine Vielzahl von Produkten, die versprechen, dass sie die Zähne nicht nur gründlicher, sondern auch schonender reinigen als  die bekannte Zahnpasta.

Beispiele für Aktivkohlepulver zum Zähneputzen

Das wirksame Prinzip der neuen Zahnreinigung ist gepulverte Kohle und das ist wahrlich nichts Neues. Schon im 19. Jahrhundert wurde Kohlenstaub zur Zahnpflege empfohlen, etwa von Kneipp, und dieser Kohlenstaub war nichts anderes gepulverte Holzkohle. Der Apotheker hat sie nach Bedarf hergestellt.

Die heutigen Zahnpflegepulver geben meist an, dass sie »Aktivkohle« enthalten oder sogar zu 100 % aus Aktivkohle bestehen. Das ist ein signifikanter Unterschied zu der traditionellen Anwendung, wo noch einfache Holzkohle benutzt wurde. Aktivkohle ist eine Kohle, die durch eine chemische oder physikalische Behandlung »aktiviert« wird und deswegen drei- bis viermal soviel absorbieren kann, wie unbehandelte Holzkohle. Die Bandbreite der Rohstoffe für die Herstellung von Aktivkohle ist breit und schliesst auch fossile Materialien, wie Stein- und Braunkohle, sogar verkohlte Plastikabfälle, ein. Deshalb wird nicht selten ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich um rein pflanzliche Kohle, meist aus den Schalen der Kokosnuss, handle.

Es ist also vermutlich »Medizinalkohle« aus dem Sortiment eines Herstellers oder Händlers im weltweiten Aktivkohlegeschäft. Heute wird gerne Kokosnuss als Rohstoff genommen, auch wenn das ToxCenter noch von  »veraschten Moosen« spricht, die »mit heissem Wasserdampf gereinigt« würden. Das stimmt schon irgendwie, aber geht zugleich am Wesen der Aktivierung völlig vorbei. Tatsächlich wird Medizinalkohle als bewährtes Mittel der Ersten Hilfe bei Vergiftungen in Ambulanzen und Krankenhäusern vorrätig gehalten.

Frühzeitig und in genügender Menge eingenommen bindet Medizinalkohle die meisten Giftstoffe und Medikamente im Magen-Darm-Trakt. Bei Vergiftungen ist Kohle nur in flüssiger Form genügend wirksam. Medizinalkohle gibt es als trinkfertige Suspension oder als Pulver zum Selbstanrühren. Kohle ist in Drogerien und Apotheken in verschiedenen Formen erhältlich; Kohletabletten und Kapseln sind zur Herstellung der Suspension nicht geeignet. Dosierung: 0,5 bis 1 g Aktivkohle pro kg Körpergewicht. (Aus einem Merkblatt (PDF) des Schweizer Toxikologischen Informationszentrums, Einzelheiten im Deutschen Ärzteblatt (1999) 96: A-2826-2830 [Heft 44])

Einige bestehen darauf, dass es sich bei ihrem Zahnpflegepulver um echte Holzkohle handle. Andere verweisen darauf, dass die Aktivierung doch eine ziemlich brutale Veränderung eines Naturprodukts darstellen würde. Nur die sanft pyrolysierte Holzkohle sei als mildes Naturprodukt ohne Nebenwirkungen akzeptabel.

Im Kielwasser des Modetrends, verschiedene Lebensmittel mit Aktivkohle (Stichwort: Detox) zu versetzen, wurden offensichtlich auch die anderen, lange bekannten, aber in Vergessenheit geratenen Anwendungen von Holzkohle zur Körperpflege wiederentdeckt. Zu einem Brei angerührt, kann man eine Gesichtsmaske oder einen Umschlag machen. Der Brei soll auch gegen Insektenstiche oder sogar die Bisse von Schlangen und Spinnen helfen.

Im Handel sind nur winzige Mengen. Beim bekanntsten Namen (Kohle Compretten) kostet ein Schachtel mit 60 Tabletten zu 250 mg (also 15 g) je nach Anbieter zwischen 10 und 15 € oder 1.000 €/kg. Das gibt es rezeptfrei zur Durchfallbehandlung.

Im Grosshandel gibt es das Kilo »Carbo Medicinalis« für etwa 150 € als Pulver.

Wer aber meint, dass der Haut nicht doch schaden könne, was seine kostbaren Fische als Filter im Aquarium vertragen, oder wer das nimmt, was in die Wasserpfeife kommt, kommt billiger weg und bezahlt weniger als 3 €/kg. Man muss allerdings einen grossen Sack kaufen und die Pellets oder Presslinge selber zerkleinern.

2017 hat ökotest eine ziemlich willkürliche Auswahl von »schwarzen« Kosmetika untersucht und dabei als Zutat sogar Russ gefunden. Daraus wurde pauschal eine Warnung vor einer Verunreinigung mit giftigen Kohlenwasserstoffen gemacht. Angesichts der meist hohen Anforderungen an die Reinheit von Aktivkohle und speziell dere Medizinlkohle, dürfte eine solche undifferenzierte Kritik an Kohle in der Kosmetik etwas übertrieben sein.

 

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