Holz- und Harzdestillation in Finnland

Die Chemische Industrie Nr. 18/19 - 9. Mal 1941

Unter den einzelnen Zweigen der chemischen Industrie hat in Finnland als erste die Holzkohlen- und Holzteergewinnung eine größere Bedeutung erlangt.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts wurden Retortenanlagen in Gebrauch genommen, nachdem bis dahin die Erzeugung ausschließlich mit Hilfe von Meilern bzw. Teergruben erfolgt war. Doch wird auch heute noch die Gewinnung dieser Produkte von der Landbevölkerung als Nebenerwerb betrieben. Bei der jetzt infolge der Umstellung des Kraftwagenverkehrs auf Generatorantrieb einsetzenden enormen Nachfrage nach Holzkohle konnte die Gewinnung z. T. auch deshalb rasch gesteigert werden, weil viele geschulte Arbeitskräfte vorhanden waren. Allerdings gehen vorläufig die Nebenprodukte verloren, doch nimmt auch die Verwendung von Retortenanlagen immer mehr zu. Infolge des finnischen Waldreichtums stößt der Ausbau der Holzkohlenerzeugung in bezug auf die Rohstofffrage ‘auf keine Schwierigkeiten.

Nur die Heranschaffung der Holzkohle aus entlegenen Wäldern bildet ein gewisses Problem. Der zivile Kraftwagenverkehr in Finnland ist jetzt vollkommen auf die Verwendung von Holzkohlen- und Holzgeneratoren umgestellt und auch die landwirtschaftlichen Traktoren und Fischerboote sollen unter staatlicher Förderung mit Generatoren ausgerüstet werden.

Außerdem will man Holzteer als Motortreibstoff verwenden und die Gewinnung von Schmiermitteln aus Holzteer wird zur Zeit geprüft.

Zur Regelung der Holzkohlengewinnung hat die Regierung verschiedene Bestimmungen erlassen. Ab 1. 5. 1941 darf die Herstellung nur durch fachmännisch ausgebildete Personen erfolgen. Zur Sicherung der Brenn- holizversorgung größerer Wohnzentren ist die Erzeugung räumlich begrenzt worden. Bereits am 31. 10. 1940 wurden Qualitätsbestimmungen und Höchstpreise im Kleinverkauf für Holzkohle und Holz zur Verwendung in Kraffrwagengeneratoren festgesetzt.

Bei der Gewinnung von Holzkohle in Meilern beträgt die Ausbeute etwa 45—55% der Raummenge des Holzes. Davon stellen 20—30% Abfallkohle dar.

Zur Verwertung von Kohlenstaub und -abfällen, die bei der Herstellung von Generatorkohle anfallen, sind zwei Anlagen zur Erzeugung von Holzkohlenbriketts in Betrieb und weitere geplant. Für den Absatz der Holzkohle haben die Hersteller verschiedene Verkaufsorgaaisationen gebildet.

Besonderes Interesse wird jetzt der Verwertung der Nebenprodukte der Holzverkohlung gewidmet, die sich bisher hauptsächlich auf die Gewinnung von Terpentinöl beschränkte. Retortenterpentinöl war vor dem Weltkriege ein wichtiges finnisches Ausfuhrerzeugnis, doch büßte es nachher an Bedeutung ein. In der Deckung seines Bedarfs an Formaldehyd, Aceton und Acetaten war Finnland dagegen bisher ganz auf die Einfuhr angewiesen. Nun will man zu einem Ausbau dieses Produktionszweiges in einem solchen Umfange schreiten, daß auch Ueberschüsse für die Ausfuhr zur Verfügung stehen.

Eine große Bedeutung hat in Finnland die Gewinnung von Sulfatterpentinöl und flüssigem Harz erlangt, die nunmehr in sämtlichen elf Sulfatcellulosefabriken des Landes erfolgt. Das Sulfatterpentinöl gelangte bis vor kurzem hauptsächlich zur Ausfuhr, doch wurde es bei Ausbruch des Krieges auch als Treibstoff iür Kraftwagen herangezogen. Diese Verwendung ist jetzt verboten, um den Bedarf für andere Zwecke, wie z. B. innerhalb der Farben- -und Lackindustrie zu sichern. Seit dem 1. 11. 1940 besteht ein Höchstpreis für Sulfatterpentinöl in Finnland, und zwar 11,50 Fmk. je kg. Aus flüssigem Harz wird seit Jahren durch Destillation Tallöl als Ausgangsmaterial für die Herstellung von Tallölschmierseife und als Rückstand Sulfatharzpech gewonnen. Der größte Teil des Schm’erseifenbedarfs Finnlands wird auf diese Weise gedeckt Aus Tallöl wird ferner ein Maleröl von befriedigender Qualität hergestellt. Der große Bedarl der Papierindustrie an Kolophonium wird bisher fast restlos durch Einfuhr gedeckt, er könnte zum größten Teil im Lande durch Eigenerzeugung befriedigt werden, wenn die jetzt vorgenommenen Versuche zur Aufspaltung von Harzöl gelingen.

Die Kriegsverluste der eigentlichen Holzverkohlungsindustrie beschränkten sich auf mehrere Meiler der Holzveredlungskonzerne. Stärker beschnitten wurde die Gewinnung von Nebenprodukten in den Sulfatcellulosefabriken, von denen zwei mit einem Leistungsvermögen von insgesamt 122 000 t Sulfatcellulose oder rund 15% der bisherigen Kapazität verlorengingen.

Der Erzeugungswert sämtlicher industriell gewonnenen Holz- und Harzdestillationsprodukte war von 35,2 Mill. Fmk. (1,91 Mill. Ml) 1937 auf 38,8 Mill. Fm* (2,16 Mill. Jt)l) 1938 gestiegen. Für das Jahr 1939 wird er mit 28,1 Mill. Fmk. (1,44 Mill. JIH) ausgewiesen, doch ist in dieser Zahl die Erzeugung der 1940 durch den Moskauer Frieden verlorengegangenen Fabriken nicht enthalten. In Wirklichkeit dürfte 1939 fast die Erzeugungshöhe von 1938 erreicht worden sein. Ueber die in den Wäldern betriebene Holzkohlen- und Holzteergewinnung sind keine zuverlässigen Angaben erhältlich. Dasselbe gilt für den jetzigen Umfang der gesamten Holzkohlenerzeugung. Ende vorigen Jahres wurde eine Zahl von 35 000 cbm monatlich genannt, doch dürfte die Gewinnung seitdem stark gestiegen sein. Nach der amtlichen Industriestatistik waren 1939 13 (1938: 13; 1937: 17) Holzdestillationsanlagen mit einer Belegschaft von 148 (159 bzw. 176) Personen und einem Erzeugungswert von 8,78 (9,71 bzw. 9,61) Mill. Fmk., Ferner — bei den Sägewerken — 20 (33 bzw. 38) Meiler mit einem Erzeugungswert von 6,09 (6,82 bzw. 5,66) Mill. Fmk. in Betrieb. Auf die einzelnen Industriezweige verteilte sich die Erzeugung von Holz- und Harzdestillationsprodukten wie folgt:
Umgerechnet in kg (1 cbm = 150 kg) betrug die gesamte industrielle Gewinnung von Holzkohle in Finnland 1937 etwa 11 400 t im Werte von 6,96 Mill. Fmk., 1938 etwa 10600 t ifür 8,38 Mill. Fmk. und 1939 etwa 10 100 t für 7,72 Mill. Fmk. Die wichtigsten Unternehmen, die sich mit der Holzdestillation befassen, sind:

  • Alinko Kauppa 0- Y.
  • Alinko Handels A. B. in Helsinki (Grün dungsjahr 1918, AK. und Reserven 2 Mill. Fmk.)
  • Leppalahti Fabriks A. B. — Leppälahden Tehdas 0« Y. in Helsinki (Gründungsjahr 1918, AK. 600 000 Fmk., Standort der Fabrik Lcppälahti bei Jyväskyla)
  • Enso-Gutzeit O. Y. in Helsinki (Gründungsjahr 1872, AK. 324 Mill. Fmk., Standort der Holzdestillationsanlage Maavesi]
  • Kuohun Tehtaat O.Y. in Kuohu bei Jyväskyla (Gründungsjahr 1935, AK. 500 000 Fmk., Reserven 250 000 Fmk.],
  • Haapamaen Tervatehdas in Haapamaki,
  • Keuruun Terva O.Y. in Keuruu (Gründungsjahr 1926, AK. 200 000 Fmk.]
  • Koskenpään Tervatehdas O. Y. in Koskenpaa (Gründungsjahr 1909, AK. ISO 000 Fmk., Reserven 100 000 Fmk.)
  • Hallajoen Terva- ja Tärpättitehdas in Laukaa (Gründungsjahr 1918, AK. 200 000 Fmk.)
  • O.Y. Pönttövuori in Laukaa (Gründungsjahr 1918, AK. 85 000 Fmk., Reserven 125 000 Fmk.)
  • Merlkoski O. Y. in Oulu (UleAborg; Gründungsjahr 1878, AK. und Reserven 2 Mill. Fmk.)
  • Suomalainen Kemialllnen O. Y. in Savonlinna (Nyslolt; Giündungsjahr 1918, AK. 900 000 Fmk.), Sukevan Tärpättitehdas in Sonkajarvi (Gründungsjahr 1925)
  • O. Y. Suomen Destillaatti Ltd. in Suonenjoki (Gründungsjahr 1937, AK. 100 000 Fmk.]
  • Myllyniemen Saha O. Y. in Tohmajärvi (Gründungsjahr 1923, AK. 300 000 Fmk.)
  • Kangashakin Tervatehdas in XJurainen (Gründungsjahr 1926)
  • Urho Pokcla Tervatehdas in Uurainen, Matti Vaänanen in Sukeva (Gründungsjahr 1904] und E. Math. Bonn in Vilppula (Gründungsjahr 1902).

Einige dieser Unternehmen hatten ihre Anlagen in den Jahren 1938 oind 1939 bis auf weiteres stillgelegt. Bei einer ganzen Reihe von größeren Sägewerken wird das Abfallholz zur Gewinnung von Holzkohle in Meilern verwertet. Die Gewinnung von Sulfatterpentinöl und flüssigem Harz erfolgt:
In den Sulfatcellulosefabriken der Enso-Gutzeit O. Y. in Kotka, der A. B. Kaukas Fabrik in Lauritsala, der A. B. Kemi O. Y, in Karihaara bei Kemi, der Kymin O. Y. — Kymmene A. B. in Halla bei Kotka, der Lohja-Kotka O. Y. in Lohja und Kotka, der Oulu O. Y- in Oulu (Uleäborg], der W. Rosenlew & Co. A. B. in Pori (Björneborg], der Sunila O. Y. in Sunila bei Kotka, der Tornator O. Y. in Kaukopaä und Yhtyneet Paperitehtaat O. Y. in Valkeakoski. In geringen Mengen wird auch in der Sulfatcellulosefabrik der W. Rosenlew & Co. A. B. in Pori (Björneborg) Methanol gewonnen.

Die Destillation des flüssigen Harzes in Tallöl -und Tallölpech (Sulfatharzpech) sowie die Herstellung von Tallölfirnis und TallölschmierseiL erfolgt in der Hauptsache in der Fabrik der Enso-Gutzeit O.Y. in Kotka, wo 1939 7148 t  flüssiges Harz Jür 10,06 Mill. Fmk. (1938′ 6646 t, 9,09 Mill. Fmk., 1937 : 6060 t, 8,33 Mill. Fmk.) verarbeitet wurden. Die genaue Höhe der Erzeugung von Tallölschmierseife ist nicht bekannt. An Tallöl für den Verkauf wurden hier 1584 t für 6,39 Mill. Fmk. (2026 t, 9,41 Mill. Fmk. bzw. 1767 t, 6,84 Mill. Fmk.) und an Tallölpech 2796 t für 3,44 Mill. Fmk. (2372 t, 2,96 Mill. Fmk. bzw. 2037 t, 2,59 Mill. Fmk.) gewonnen. Seit 1939 verarbeitet auch die Lohja-Kotka O. Y. das in ihren Sulfatcellulosefabriken in Lohja und Kotka anfallende flüssige Harz in eigenen Betrieben; sie erzeugte dabei 305 t Tallölschmierseife im Werte von 556 000 Fmk.

Für die Herstellung von Holzkohle und anderen Holzdestillationsprodukten sind in der letzten Zeit eine Reihe von neuen Unternehmen gegründet worden, darunter die Kuusjärven ‘liili O. Y. in Kuusjärvi (AH 100 000 Fmk.) und d;e Saksala O. Y. in Säynäinen (AK. 200 000 Fmk.).

Die finnische Einfuhr von Holz- und Harzdestillationsprodukten hat sich stark von 25,6 Mill. Fmk. (1,39 Mill. ffil) 1937 auf 18,0 Mill. Fmk. (0,96 Mill. 31)1} 1938 und 13,1 Mill. Fmk. (0,67 Mill. ‘Jl)l) 1939 verringert, hauptsächlich infolge des verringerten Bedarfs der Papierindustrie an Kolophonium und Harzleim (Harzseife), die im Rahmen dieser Einfuhrgruppen die Hauptposten darstellen.

Für 1939 wird die Einfuhr von Holzteer, Holzteeröl, Holzteerpech und Harzöl nicht mehr getrennt, sondern in einer Sammelposition »Trockendestillationsprodukte von Holz, Harz, Knochen, Kautschuk und anderen pflanzlichen oder tierischen Stoffen, n. b. g., wie Teer, Teerwasser, Teer-, Aceton- und Harzöle” mit 181 t im Werte von 525 000 Fmk. ausgewiesen.

 

1937 1938 1939
Einfuhr t 1000 Fmk. t 1000 Fmk. t 1000 Fmk.
Holzkohle 17 256 59 780 20 216
♦ Niederlande 32 242
♦ Italien 10 326
♦ Deutschland 6 147 6 117
Holzteer 1: 3 427 660
♦ Polen-Danzig 427 658
Holzteeröl 1 16 0 9
Holzteerpech 6 18 27 67
Methanol 22 113 9 51 18 112
Aceton und Acetonöl 114 1.019 111 779 124') 747')
♦ Vereinigte Staaten 83 658 88 556
♦ Schweden 14 200 11 138
Acetate 28 217 29 246 15") 112')
Formaldehyd, auch fest 112 538 131 558 127 478
♦ Belgien-Luxemburg 93 378 112 425
Kolophonium 4 429 18 586 3 985 11 486 2 519 7 742
♦ Vereinigte Staaten 4 014 15 883 3 795 9 589
♦ Mexiko 235 894 65 193
♦ Deutschland 67 1 119 60 1 149
Harzöl 10 93 5 43
Harzseile (Harzlelm) 988 3 697 608 2 158 512 1 841
♦ Vereinigte Staaten 29 1 811 306 1 194
♦ Schweden 553 1 857 258 757
Terpentinöl 137 1 062 181 1 158 204 1 283
♦ Vereinigte Staaten 76 528 136 833
♦ Niederlande 35 262 25 159
‘) Ab 1939 nur Aceton.
“) Ab 1939 nur Blciacetat.

 

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