Das deutsche Rohstoffwunder

Anton Lübke, Verlag für Wirtschaft und Verkehr, Forkel & Co. Stuttgart, 1. Auflage 1938

Rohstoffwunder TitelblattDas Buch deckt, wie man am Inhaltsverzeichnis sehen kann, alle Themen ab, die mit Rohstoffen und Energieträgern zu haben. Manches erscheint der Zeit voraus, wie die Windkraft. Anderes würde man heute so nicht mehr befürworten, wie den Grünlandumbruch, die Landgewinnung in Torfmooren oder die Düngung mit Steinkohleasche.

Die politischen Rahmenbedingungen werden mit keinem Wort erwähnt. Die Verbereitung auf den Krieg und dann der Krieg selbst war die treibende Kraft für die Suche nach Ersatzstoffen und die Einsparung von Material im zivilen Bereich – um Material und Treibstoff für den Krieg selbst freizusetzen. Das galt insbesondere für die »heimischen Treibstoffe« vom Methan aus dem Biogas der Klärwerke bis zum Holz.

Zwei Abschnitte betreffen die Verwendung von Holz: Einmal auf Seite 187 die industrielle Gewinnung von Rohstoffen für die Chemische Industrie durch Verkohlung und auf Seite 232 die Nutzung von Holz  als Treibstoff in Kraftwagen (der bekannte Holzvergaser). Dabei wird der Mythos gepflegt, beim Holzvergaser handle es sich um eine urdeutsche Erfindung. Die langjährigen Erfahrungen in Frankreich, lange bevor man in Deutschland Gefallen an dieser Technik fand, und die zur gleichen Zeit dort und in Skandinavien zu verzeichnende Verbreitung wird nicht erwähnt.

Die Verkohlung des Holzes.

Siehe Tafel XI zw. S. 208 u. 209)

Die Umwandlung des Holzes in Zellulose ist nicht die einzige Art der Umwandlung; die Wandlungsfähigkeit des Holzes auf dem Wege der Verkohlung ist mindestens ebenso groß.

Die bei der Holzverkohlung gewonnenen Nebenprodukte. Holzteer und Holzessig, benützten schon die Ägypter zum Einbalsamieren von Leichen. Bis ins 19. Jahrhundert diente die Holzkohle, die mit 7000—8000 kal / kg noch einen höheren Wärmewert hat als manche Steinkohle, zum Schmelzen von Metall *),  zur Herstellung von Schwarzpulver und Pottasche **), und dient heute noch im Fernen Osten in großem Maße zur Erwärmung der Wohnräume. Schon im 18. Jahrhundert konnte man aus dem Holz Essigsäure, Methylalkohol, Azeton und Kreosot erzeugen, die dann erst in neuester Zeit Konkurrenten in dem synthetischen Aufbau der Essigsäure aus dem Karbid, des Methylalkohols aus dem Kohlenoxyd und des Azetons aus der Karbidessigsäure bekamen. Die ersten Anfänge der Holzdestillation reichen bis in das 17. Jahrhundert zurück, als der berühmte Chemiker Glauber (1604) zum erstenmale Holzteer und Holzessig aus dem Holze gewann. Groß ist die Kette der Erzeugnisse, für die die Holzkohle der Ausgangsrohstoff in der modernen Chemie geworden ist. Nicht weniger als 175 verschiedene Körper sind in dem chemischen Wundergebilde „Holz” nachgewiesen. Wichtig ist der aus Holzkohle hergestellte Schwefelkohlenstoff als Lösemittel für Zellulose in der Kunstseidenindustrie. Holzkohle findet ferner Verwendung als Bügelkohle, zum Schmelzen von Metallen, zur Entfärbung und Reinigung von Gasen und Flüssigkeiten, als Filter für Gasmasken, und je nach ihrer Herkunft für viele Zwecke in der Medizin. Weitere wertvolle Erzeugnisse aus dem Holz sind Essigsäure, Holzgeist, Leicht- und Schweröle, Teerimprägnierungsmittel, Formaldehyd, Azeton (für rauchloses Pulver, Lösemittel für Nitrozellulose, für Tränengas usw.). Neben Knochen- und Blutkohle wird seit Jahren die Holzkohle mit großem Erfolg als Heilmittel verwendet. Als wertvoll erweist sie sieb auch bei der Verfütterung, weil sie die Ausnützung des Futters im Körper erheblich steigert.

*) Von den im Jahre 1871 in 213 Hochöfen hcrgestellten 1,56 Mill. t Eisen wurden noch 115 000 t mit Holzkohle geschmolzen. Im Jahre 1905 waren es nur noch 9000 t.

**) Die Pottascheerzeugung war in früheren Jahrhunderten ein bedeutender Erwerbszweig. Als Ausgangsrohstott diente das Buchenholz, das heute wieder eine erhöhte Bedeutung gewonnen hat. Die Pottaschesieder, die man im Trierschen und in der Eifel „Aeschpiddler“ (Äschpiddler) nannte, zogen mit Pferd und Wagen durch die Dörfer und kauften die Buchenasche auf. was den Bauern einen kleinen Nebenverdienst einbrachte, und zwar 10—20 Pfennig für einen Scheffel. Die gesammelte Asche wurde mit Wasser in besonderen Vorrichtungen ausgelaugt. Nach etwa zehnstündiger Arbeit hatte man eine gute kalihaltige Lauge. Durch Eindampfen gewann man die kristallisierte Pottasche. die dann in Pötten geglüht wurde. Die fertige Pottasche diente zur Herstellung von Seifen. Auch der Glasmacher benützte sie als Flußmittel, um die schwer schmelzbare Kieselerde zum Fluß zu veranlassen.

Rohstoffwunder Tafel XI

Tafel XI Die Holzverkohlung und ihre Haupterzeugnisse

 


Kraftwagen fahren mit Brennholz.

Eine wirtschaftlichere Verwertung des Brennholzes. (Seite 238 – 241)

Die Verwendung des Holzes für den Motorbetrieb ist keine Erfindung der letzten Zeit. Die Deutzer Gasmotorenfabrik baute schon vor 25 Jahren Motore, die mit Holzgas betrieben wurden. Dagegen ist der Holzvergaser im Kraftwagen ein Kind unserer Zeit; denn er wurde geschaffen, um die deutsche Energiewirtschaft vom ausländischen Öljoch zu entlasten. Holzindustrie und Forstwirtschaft, die seit Jahren mit großen, meist nur zu Brennzwecken verwertbaren Holzabfällen zu kämpfen hatten, begrüßten diesen neuen Weg einer wirtschaftlichen Holzverwertung naturgemäß sehr.

Neben dem Anfall von Brennholz, das die Hälfte des in deutschen Forsten geschlagenen Holzes ausmacht, fällt auch in Möbelfabriken und Schreinereien laufend sehr viel unverwertbares Holz ab, das meist als lästiger Abfall in Heizungsöfen oder schließlich zur Energieerzeugung in Dampfkesseln verbrannt wird. Das bedeutet aber eine große Verschwendung an einem unserer wichtigsten Rohstoffe. Der Wirkungsgrad dieser Verbrennung entspricht auch keineswegs dem hohen Energiewerte, der im Holze steckt. Durch die einfache Verbrennung können höchstens 10—15 v. H. der Holzenergie nutzbar gemacht werden, während das andere nutzlos in den Kamin entweicht. Der Wirkungsgrad der Energieausnützung auf dem Wege der Holzvergasung dagegen beträgt bis zu 26 v. H., also rund das Doppelte.

Der Holzgenerator.

Es wäre deshalb einem Raubbau schlimmster Art gleichgekommen, wenn man es länger zugelassen hätte, daß das kostbare Holz Jahr um Jahr in den unersättlichen Rachen der Verbrennungsöfen fast nutzlos verschwand. Hier war der Holzgenerator, in dem das Holz in Gas umgewandelt werden kann, ein Weg, wenn auch nicht der nützlichste, um die Wirtschaft von den großen Holzverlusten durch unsachgemäße Verbrennung zu befreien und dadurch gleichzeitig einen anderen Rohstoff,  das Öl, zu sparen. In jüngster Zeit ist der Holzgenerator für den Kraftwagen dann auch derart vervollkommnet worden, daß man in ihm nicht nur einwandfreies Stückholz zu verwenden braucht, sondern in ihm sogar Sägespäne, Sägemehl, Rinde und dergleichen in Gas umwandeln kann.

Es ist zudem in tropischen Ländern möglich, den Abfall an Blättern. Reishülsen, Kokosschalen, Kaffeebohnen, Baumwollsamen, Oliventrester, Sisal und andere Ölsaaten in Holzgeneratoren in Gas umzuwandeln und Kraftwagen damit zu betreiben. Schon seit Jahren helfen sich die tropischen Länder derart, daß sie diese hochwertigen Abfälle, die an vielen Orten riesig groß sind, entweder in eigens dazu gebauten kommunalen Verbrennungsöfen vernichten, oder auch zur Beheizung von Fabrikanlagen verwenden. In den großen Kokosplantagen auf Ceylon fallen ständig große Mengen ölhaltiger Kokosschalen ab, die schon seit Jahren teils zur Beheizung von Dampfkesseln, teils zur Gewinnung von Leuchtgas verwendet werden. Der Bau von Holzgeneratoren ist für die deutsche Technik also in zweifacher Hinsicht ein Gewinn, einmal dadurch, daß man durch sie minderwertige einheimische Rohstoffe zur Kraftgewinnung heranziehen kann, und ein andermal, daß sie auch für die Ausfuhr nach tropischen Ländern in Betracht kommen.

LkW von Deutz mit Gasgenerator (Antrazit) für

Gasgenerator in einem LkW von Deutz (mit Antrazit) für 300 km Fahrstrecke

Zwei Kilogramm Holz gleich einem Liter Benzin.

Seit Jahren hat sich der Holzgenerator im deutschen Kraftwagenverkehr bewährt, vornehmlich bei Lastwagen, während er für den Personenkraftwagen infolge der umständlichen Bedienung vorerst nicht in Betracht kam. Aber das ist inzwischen anders geworden. Seitdem in der deutschen Technik das Problem des gasförmigen Brennstoffes mit als eines der wichtigsten Brennstoffprobleme angesehen wurde, war der Augenblick gekommen, das Holz für den Personenkraftwagen ernsthaft in Betracht zu ziehen. Im Jahre 1934 wurde für diesen Zweck ein Generator gebaut, der nur 8 kg wiegt, und die Tatsache, daß man nur 2 kg Holz anstelle von 1 1 Benzin benötigt, wobei die Holzart eine untergeordnete Rolle spielt, beweist, daß damit das Ziel, Holz auch für den Personenkraftwagen zu gebrauchen, erreicht worden ist. Berücksichtigt man ferner, daß ein Holzgenerator für eine Strecke von 180 km Holz mitnehmen kann und daß ein Kraftfahrzeug, ähnlich wie beim Gaskraftwagen, nur mit geringen Kosten auf Holzgas umgestellt werden kann, dann ergibt sich daraus ein ganz ungemein großer Vorteil bei Anwendung dieser Betriebsart. Schon vor Jahren hat das Landesgewerbeamt in Stuttgart in einem Merkblatt darauf hingewiesen, daß die Brennstoffkosten, je nach dem Holzpreis, ein Fünftel bis ein Zehntel der Kosten für flüssigen Brennstoff betragen. Auch ist die gesundheitsschädigende Einwirkung nicht größer als beim Benzinbetrieb, vorausgesetzt, daß der Holzgasbetrieb sich ordnungsgemäß abspielt. Gegenüber dem flüssigen Brennstoff ist auch die Feuers- und Explosionsgefahr beim Holzgasbetrieb viel geringer; dazu kommt der geringe Aschenabfall und das Fehlen von Schwefel im Brennstoff.

Einige deutsche Fabriken beschäftigen sich bereits mit der Herstellung von Holzgaskraftwagen. Aus den tausend Wagen, die schon im Jahre 1934 auf deutschen Landstraßen mit Holzgasbetrieb liefen, sind inzwischen einige tausend geworden, da man glaubt, daß Holz ein billiger und gleichwertiger Brennstoff ist. Der Aufwand von nur einem Kilo lufttrockenen Holzes für die PS-Stunde ist nach genau angestellten Berechnungen das Maximum. Rechnet man für 1000 kg Holz 20.— RM, dann würde das bedeuten, daß der Brennstoffaufwand für die PS-Stunde 2—2,2 Pfennig beträgt, was gegenüber dem flüssigen Brennstoff eine Ersparnis von 70—80 v. H. bedeutet.

Wenn der Holzgenerator auch beim Personenwagen wegen seiner etwas umständlichen Bedienung nicht so schnell an Beliebtheit gewinnen konnte, hat er doch beim Lastkraftwagen eine desto größere Verwendungsmöglichkeit gefunden, vor allem aber in ländlichen Gegenden, wo viel Holz abfällt. Die Basis der Verwendung von Holz im Kraftwagen wird sich in Zukunft erheblich vergrößern können im Hinblick auf Österreich, dessen Holzernte auch erhebliche Mengen Brennholz umfaßt, die für den Holzgenerator verwendet werden können. Die Entwicklung wird ja wohl in Zukunft dahin gehen, daß auch dem Landwirt gerade im Holzgenerator eine große Möglichkeit offensteht, allen Abfall seiner Wirtschaft, wie minderwertiges Stroh, Holz, Kartoffelkraut, Unkraut, Laubheu, Reisig und ähnliches zu vergasen, anstatt Öl, Kohle, Briketts, Benzin und dergl. zu verwenden.

In noch höherem Maße wird der Handwerker dem Holzgenerator nicht ablehnend gegeniiberstehen, wenn er sieht, daß ihm damit ein Sparsamkeitsfaktor in die Hand gegeben wird, der ja ihm selbst, neben der Allgemeinheit,  zugute kommt.


 

Vorwort 21
I. Die Kohle die Mutter aller Rohstoffe
Die Rohstoff- und Energiewelt der Kohle …….. 27
Noch über tausend Jahre herrscht der schwarze Diamant …….. 55
Braunkohle noch für 250 Jahre …….. 62
Torf ein Universalrohstoff …….. 70
II. Schwermetalle bauten den deutschen Industriestaat
Der Triumph der deutschen Eisenwirtschaft …….. 79
Kupfer und Silber zwei alte deutsche Wertmetalle …….. 98
Zink und Blei in der deutschen Wirtschaft …….. 106
Arm an Zinn und Nickel wie andere Staaten …….. 112
Verzauberte Metalle …….. 118
Schätze aus der kosmischen Rumpelkammer …….. 153
III. Das neue Zeitalter der Leichtmetalle
Das „Silber“ aus Tonerde und Mapiesiumsalzen  …….. 145
Leichtmetalle revolutionieren die Metallwirtschaft …….. 152
Leichtmetall-Legierungen zäh wie Stahl …….. 157
IV. Deutscher Wald — deutsches Nationalgut
Holz: Vorläufer der Kohle …….. 163
Deutschlands Reichtum an Holz …….. 168
Neben Holz noch andere Rohstoffe aus den Forsten …….. 175
Industrie vervielfältigt den Wert des Holzes …….. 181
Der Kampf gegen die Feinde und Zerstörer des Holzes …….. 193
V. Deutsche Erfinder besiegen das Ölmonopol
Das Öljoch lastete auf Deutschland …….. 203
Erdöl aus deutschem Boden …….. 209
Kohlenöl und Spiritus für den Kraftwagen …….. 218
VI. Der Kraftwagen ohne Benzin
Der mit Gas betriebene Kraftwagen …….. 233
Kraftwagen fahren mit Brennholz …….. 238
Ein Konkurrent der Lokomotive auf der Landstraße …. 242
Kohlenstaubmotor und Kohlengenerator…….. 247
VII. Deutsche Farben. Harze und Kunststoffe
Bernstein, das Gold der deutschen Meere …….. 255
Harzernte in deutschen Wäldern …….. 262
Die Wunderwelt der Farben und Lacke …….. 268
Stoffe der „tausend Möglichkeiten” …….. 282
Vom natürlichen zum künstlichen Kautschuk …….. 302
VIII. Deutsches Kleid aus deutschem Rohstoff
Ab- und Aufstieg der deutschen Schafzucht …….. 313
Flachs und Hanf aus deutscher Ernte …….. 320
Neue Stoffe aus alten Textilien …….. 328
Maulbeerbaum und Seidenraupe werden heimisch …….. 332
Das neue Zeitalter der Textilwirtschaft …….. 337
IX. Leder, Gerbstoffe und Pelze deutscher Erzeugung
Der Rohstoff für unsere Fußbekleidung …….. 359
Kunstleder in höchster Vollkommenheit …….. 366
Gerbstoffe aus deutschen Wäldern wie einst ……..  372
Züchtung von Edelpelztieren überall …….. 379
X. Die wunderbare Brotvermehrung
Eine ganze Provinz durch Neulandgewinnung …….. 387
Bewässerung besiegt die Dürre …….. 396
Windenergie für die Rohstofferzeugung …….. 403
Genügend Dünger schlitzt vor Hunger …….. 409
Kartoffeln und Zucker als Rohstoffbasis …….. 428
Die Eroberung der deutschen Fett- und Eiweißbasis …….. 435
Viehfutterernte in der Konserve …….. 457
Die erstaunlichen Erfolge der Pflanzen- und Tierzüchtung …….. 465
Schädlingsbekämpfung rettet Milliardenwerte …….. 482
XI. Sparsame Rohstoffwirtschaft
Handwerk und Industrie sparen Rohstoffe …….. 497
Der Haushalt als Vergeuder und Sparer …….. 512
Rohstoffgewinnung aus tierischen Abfällen …….. 520
Das Gold in der Mülltonne …….. 527
XIL Schlußbetrachtung
Die Metamorphose des Rohstoffes …….. 535

Anhang: Die Rohstoff Wirtschaft des Sudetenlandes. Böhmens und Mährens      ……..         545

Download PDF:

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*