Gasschlepper Harpen I

HANSA Deutsche Schiffahrtszeitschrift November 1935 Seite 1880

Schiffbau. Gasschlepper Harpen I .
Im Wettbewerb zu den bekannten Treibmitteln für den Motorenbetrieb steht heute das Generatorengas mit an erster Stelle. Außer dem Holz wird neuerdings auch Schwelkoks aus Kohle zur Erzeugung von Generatorengas herangezogen und mit Vorteil zum Motorenbetrieb ver wendet. Bisher hat sich die Verwendung des zuletzt genannten Treibmittels aber nur auf ortsfeste Anlagen beschränkt. Neuerdings ist es nun gelungen dasselbe auch für den Schiffsbetrieb erfolgreich in Anwendung  zu bringen. So wurde kürzlich ein Gasschlepper  gebaut der bisher in dreimonatiger ununterbrochener starker Beanspruchung seine Wirtschaftlichkeit voll und ganz bewiesen hat.
Harpen I 1935 seite 1
Der Dauerbetrieb hat gezeigt daß die Garantiewerte auf welchen die Wirtschaftlichkeits berechnung fußt gehalten wurden. Der entscheidende wirtschaftliche Punkt ist natürlich der Brennstoffverbrauch. Im Vergleich mit einem Dieselschlepper sei festgestellt daß dessen Brennstoffverbrauch etwa 170 g für die Wellen-PSh beträgt woraus sich bei einem Gasölpreis von 7 – 12 Pfg. für die Brennstoffkosten der Wellen-PSh zu 120 204 Pfg. ergeben während diese Kosten bei dem neuen Gasschlepper bei Verwendung von Anthrazit nur etwa 0,7 Pfg. pro Wellen-PSh betragen. Da zu diesen geringen Brennstoffkosten gegenüber anderen maschinell betriebenen W asserfahrzeugen auch noch eine wesentliche Verringerung der Bedienimgskosten kommt und auch der Schiffskörper selbst eine Verkleinerung erfährt so ist die Wirtschaftlichkeit des neuen Gasschleppers Harpen I äußerst günstig.
Im Gegensatz zur ortsfesten stellt die Gaskraftanlage für Schiffe etwas ganz Neues dar. Der Gaserzeuger Bauart Deutz ist eine Art Schachtofen in dem sich der Vorgang der vollständigen oder restlosen Vergasung abspielt zum Unterschied der Entgasung einem Vorgang der in Schwel- oder Kokereiretorten durchgeführt wird. Die Beschickung des Gaserzeugers bei Harpen I ist halbselbsttätig. Von Hand wird ein für etwa 40 Minuten Vollbetrieb ausreichender Behälter aus dem Schiffsbunker gefüllt.
Solange dieser Behälter Brennstoff hat beschickt sich die Anlage durch eine elektromechanische Vorrichtung selbsttätig. Der Brennstoffvorrat ist ausreichend für eine Fahrt Ruhrgebiet Mannheim und zurück.
Als Hauptmotoren-Anlage wurden gewählt: Zwei einfach wirkende Deutz-Achtzylinder-Viertaktmotoren mit Reihenanordnung der Zylinder mit insgesamt 750 PS Gesamtleistung. Die Drehzahl ist einstellbar zwischen 160 und 400 Umdrehungen in der Minute. Im Gesamtaufbau entsprechen die Gasmotoren den Deutz-Dieselmotoren und zwar soweit daß dieselben in kurzer Zeit für Dieselbetrieb umgestellt werden können. Das Anlassen der Motoren erfolgt im Viertakt mit Preßluft derart daß schon während des Luftbetriebes Gasgemisch angesaugt wird und deshalb eine schnelle und sichere Zündung gesichert ist.
Zwischen jeden Motor und zugehörigen Propeller ist ein Wendegetriebe geschaltet. Die Getriebe sind für eine höchste Kraftübertragung von 415 PSi bei 400 Umdr./Min. gebaut und für einen Propellerschub von 4200 kg. Das Getriebegewicht ist 3900 kg pro Getriebe. Der Wir kungsgrad bei Vorwärtsfahrt und Vollast ist 98 bei Rückwärtsfahrt und Vollast 90. Es können beliebig oft Steuermanöver durchgeführt werden und es ist auch eine beliebig lange Rückwärtsfahrt möglich ohne daß unzulässige Erwärmung oder Beanspruchung auftritt. Das Auffüllen der Anlaß-Luftflaschen geschieht unter Verwendung eines 40 PS-Dieselmotors der gleichzeitig auch zur Stromerzeugung Ver wendung findet.
Ueber den Betrieb selbst wäre kurz folgendes zu sagen Der tägliche Betrieb beginnt mit Anblasen des Gaserzeugers was etwa 10 –  20 Minuten Zeit erfordert und den Gassauger erfolgt. Dabei wird das erst allmählich vom Verbrennungsgas in Brenngas übergehende Gas durch eine Brennvorrichtung unschädlich ge macht. Bereits während der Anblasezeit wird dasGias ge waschen und gekühlt damit die Rohrleitungen nicht ver schmutzt werden. Nachdem sich das Gas als gut brennbar erwiesen hat werden die Motoren mit Preßluft angelasen und der Schlepper kann mit Gas in Betrieb gehen.
Zum Antrieb der Hilfseinrichtungen wie Gassauger Wasserpumpen Antrieb des Drehrostes und der Beschickungsapparatur Trossenwinde Ankerwinde usw. wird elektrischer Strom von 120 V ver wendet während die Schiffsbeleuchtung durch eine Lichtmaschine und Batterie von 24 V erfolgt.
Die Schiffsführung selbst geschieht vom Ruder aus und zwar hat der Kapitän für jeden Motor zwei Hebel zur Verfügung einen zur Einstellung der Drehzahl und einen zur hydraulischen Umschaltung der Getriebe. Es ist fest gestellt worden daß die Manövrierfähigkeit des Schiffes durchaus der eines Dampf- oder Dieselfahrzeuges gleicht. Von seiten des Maschinisten ist kein Eingriff nötig er überwacht nur den allgemeinen Betrieb der Gaskraftanlage und der Hilfseinrichtungen und hat sonst mit dem Manövrieren und der Führung des Schiffes nichts zu tun.
Dieser neue einzig dastellende Gasschlepper ist eine Parallele zu den in letzter Zeit ausgeführten ortsfesten Anlagen ähnlicher Art. Hiermit ist eine weitere Aufgabe unserer nationalen Wirtschaft erfüllt nämlich die eine .sparsame und betriebssichere heimische Treibstoffnutzung auch auf die Verkehrswirt schaft auf dem Wasser auszudehnen.
B. M. Kiel.
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