Degussa Holzverkohlung 1953

Holzverkohlung in Westdeutschland

80 Jahre Degussa

Chemie-Ingenieur-Technik 25. Jahrgang 1953 I Nr. 3 Seite 162 – 163 

Anlaßlich ihres Jubiläums hat die Degussa Deutsche Gold- und Silber – Scheideanstalt vormals Roessler unter dem Titel ,,Aus Forschung und Produktion” eine 476 Seiten starke Festschrift herausgegeben, die einen Überblick über die technisch-wissenschaftlichen Arbeiten der Firma gibt.

Das nach den Haupterzeugunqsgruppen in vier Abteilungen – Metalle, Anorganische Chemie, Keramik und Glas, Organische Chemie – gegliederte Buch schildert u. a. zusammenfassend die Entwicklung der Holzverkohlungsindustrie in Deutschland. Diese hatte vor dem ersten Weltkrieg eine Monopolstellung, da ihre sämtlichen Erzeugnisse, wie Holzkohle, Essigsaure, Methanol, Holzteer und auch deren Weiterverarbeitungsprodukte, wie Formaldehyd, Aceton, Kreosot, Guajacol fast ausschließlich durch sie hergestellt wurden.

Die Entwicklung synthetischer Verfahren für diese Erzeugnisse erzwang eine grundlegende Umstellung der Holzverkohlungsindustrie, denn ihre Produkte waren nach den neuen Verfahren zu einem Bruchteil der Vorweltkriegspreise erhältlich. Methanol z. B., das vor dern Krieg 1 bis 2 Mark je Kilo gekostet hatte, wurde nun für 30 Pfennige und weniger angeboten.

1931 fusionierten die führenden Holzverkohlungsfirmen, die neue Firma, Hiag-Verein GmbH., ging 1940 in der Degussa auf. Um wirtschaftlich einigermaßen den Anschluß an die Synthese zu erreichen, mußten die althergebrachten Methoden der Trockendestillation von Holz und die veralteten technischen Aufarbeitungsverfahren für die Schwelprodukte durch moderne und energiesparende Verfahren ersetzt, ferner Verwaltung, Produktion und Verkauf neu und einheitlich geordnet werden. Die kostspielige Herstellung von Essigsäure und Aceton über Holzkalk wurde ausgeschaltet und zur direkten Gewinnung von Essigsaure aus entgeistetem Holzessig rnit Hilfe von Essigäther übergegangen. Einen weiteren Fortschritt brachte in den dreißiger Jahren die Entwicklung des Reichert-Verfahrens, bei dem in 40 fm fassenden Retorten, die unmittelbar durch heiße Umwälzgase beheizt werden, gearbeitet wird. Dies Verfahren, ein Vorläufer der vollkontinuierlichen (S. I. F. I. C.- Verfahren), gestattet eine vollkommene Temperaturbeherrschung innerhalb der Retorte, so daß der Kohlenstoffgehalt der Holzkohle in Grenzen zwischen 70 und 90 % auf einige Prozent Genauigkeit eingestellt werden kann; es liefert überdies eine höhere Ausbeute an Essigsäure.

Wahrend des letzten Krieges betrieb die Degussa noch 16 Holzverkohlungswerke mit einem Gesamtdurchsatz von 500.000 fm jährlich. Bei Kriegsende standen nur noch 10 betriebsfähige Werke zur Verfügung: Bodenfelde, Brilon-Wald, Bruchhausen, Brücken, Konstanz, Kredenbach, Lorch, Mombach, Oeventrop, Zuschen. Das durch Kriegseinwirkung stark beschadigte Werk Schleiden/Eifel, wurde verkauft, die Verkohlungen Greifenhagen und Vosswalde und die drei Aufarbeitungs- bzw. Veredlungswerke Frankfurt/O., Ratibor und Wildau schieden durch die derzeitige Grenzziehung aus dem Verbande aus. Die verbliebene Verkohlungskapazitat von 250 000 fm jährlich konnte in den beiden ersten Nachkriegsjahren zu etwa 40 % ausgenutzt werden. Um die im Osten verlorenen Aufarbeitungswerke zu ersetzen, wurde 1948 in Brilon-Wald eine Anlage zur Herstellung vonEntfärbungskohle gebaut und 1948/49 in Bodenfelde eine Anlage zur Erzeugung chemisch reiner und technischer Essigsäure sowie von Eisessig und Essigessenz. Ferner wurde in Bruchhausen eine Anlage zur Herstellung von Formaldehyd und Pentaerythrit gebaut und die in Mombach bereits vorhandene Formaldeydanlage vergrößert und modernisiert.

Nach der Währungsreform geriet die Holzverkohlungsindustrie erneut in eine außerst kritische Lage, da die Holzpreise ungewöhnlich hoch stiegen und gleichzeitig der Absatz zurückging. Um einen völligen Zusammenbruch zu vermeiden, wurden einschneidende Rationalisierungen vorgenommen: die Werke Kredenbach, Oeventrop und Zuschen wurden völlig stillgelegt, in Bruchhausen und Bodenfelde der Betrieb eingeschrankt.

Trotzdem bleibt die wirtschaftliche Lage der Holzverkohlungsindustrie weiterhin kritisch, solange die Preise für Verkohlungsholz nicht wieder ein tragbares Niveau erreicht haben. Die Firma arbeitet an der weiteren Verbesserung und Verbilligung der Herstellungsverfahren und an der Erschließung neuer Anwendungsgebiete für die spezifischen Holzverkohlungsprodukte.

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