Carbo ligni (Heilkunde)

Holz- und Pflanzenkohle in den homöopathischen Lehrbüchern des 19. Jahrhunderts

Ein früher Hinweis auf die medizinischen Verwendung von Kohle findet sich im »Apothekerlexikon« von Samuel Hahnemann, aus dem Jahr 1793 − lange bevor er zum Begründer der Homöopathie wurde.

Er erwähnt die Behandlung von Geschwüren und die Zahnpflege, sowie die Anwendung bei Ruhrkranken.

Er weiss um die Wirkung der Kohle zum Entfärben von Flüssigkeiten und fauliges Wasser werde damit wieder frisch.

In seiner Werk »Reine Arzneimittellehre« von 1830 beschreibt er seine Versuche mit Kohle von Birke und Rotbuche, aber auch mit Tierkohle, die ihm als Modellsubtanz für die »Potenzierung« dienen:

Einzig durch anhaltendes Reiben der Kohle (so wie vieler andern, todt und kraftlos scheinenden Substanzen) mit einer unarzneilichen Substanz, wie der Milchzucker ist, wird seine, innen verborgne und im rohen Zustande gebundene (latente) und gleichsam schlummernde und schlafende, dynamische Arzneikraft zum Erwachen und zum Leben gebracht, und schon durch ein einstündiges Reiben eines Grans (Holzkohle) mit 100 Granen Milchzucker, aber noch lebendiger und kräftiger entwickelt, wenn von diesem Pulver wieder ein Gran eben so lange mit 100 Granen Milchzucker gerieben wird und noch weit wirksamer gemacht (potenzirt), wenn von letzterm[121] Pulver ein Gran abermals mit 100 Granen frischem Milchzucker eine Stunde lang gerieben wird und so eine millionfache Pulververdünnung entsteht, wovon ein sehr kleiner Theil eines Grans, mit einem Tropfen Wasser angefeuchtet, eingenommen, grosse arzneiliche Wirkungen und Umstimmung des menschlichen Befindens hervorbringt.

Der nicht minder berühmte Sebastian Kneipp hat in seinem Buch »Meine Wasserkur« aus dem Jahr 1886 auch eine Passage über »Kohlenstaub« aufgenommen, in der er praxisnahe Ratschläge gibt:

Kohlenstaub wird stets aus Holzkohle bereitet. Den feinsten und besten liefert das Lindenholz, den selbst manche Apotheker bereiten. In Ermangelung von Lindenholzkohlen reicht jede Holzkohle aus. Je frischer sie ist, desto bessere Dienste thut sie. Die frischeste Kohle ist die soeben aus dem Feuer geholte. Zerdrücke sie sein, und du hast den oben genannten Kohlenstaub !

Nach Krankheiten, in denen die Verdauungsorgane schwer gelitten haben, erleichtert diese unsere Kohle die Arbeit um ein gutes Stück. Es klingt vielleicht sonderbar, aber es ist so. Am leichtesten nehmen solche Rekonvaleszenten den Kohlenstaub in Milch mit etwas Zucker. Das Ouantum darf täglich einen mittleren Eßlöffel ausmachen und auf einmal oder in zwei Malen genommen werden.

Auszehrende dürfen täglich im Ganzen zu verschiedenem Zeiten zwei Schoppen Milch trinken und in jeden Schoppen (Glas) einen Löffel Kohlenstaub mischen.

Besondere Wirkung erzielt man bei Leberkrankheiten. Das Pulver werde wieder in Milch genommen.

Auf alle eiternden, netzenden Geschwüre gepudert, täglich ein- bis zweimal, saugt der Kohlenstaub auf und befördert und beschleunigt durch diese Austrocknung die Neubildung der Haut.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erweiterte sich das Wissen über die medizinische Anwendung von Kohle ständig. Das 1864 erschienene »Reallexikon für homöopathische Arzneimittellehre, Therapie u. Arzneibereitungskunde« von Dr. med. Elias Altschul hat bereits zwei Abschnitte zu dem Thema. Einer (Seite 72/73) über »Carbo vegetalis et animalis« (Pflanzen- und Tierkohle) mit Informationen über die Herstellung, die Eigenschaften und die physiologische Wirkung. Dazu gibt es eine lange Liste von Krankheiten bei Mensch und Tier, gegen die Kohle helfen soll.

Ein zweiter Abschnitt (Seite 124-126) beschäftigt sich mit der mineralischen Kohle (Graphites, Carbo mineralis). Das ist der in der Natur vorkommende Graphit, der aber andere Eigenschaften hat und auch anders angewandt wird.

In der älteren Literatur wird auch Stein- und Braunkohle als Pflanzenkohle betrachtet.

Altschul hatte sich schon in seinem früher erschienenen »Lehrbuch der physiologischen Pharmacodynamik: eine klinische Arzneimittellehre für homöopathische Aerzte als Grundlage am Krankenbette und Leitfaden zu academischen Vorlesungen : nach dem neuesten Standpunkte der medizinischen Wissenschaften« mit Pflanzen- und Holzkohle beschäftigt. Er schreibt:

Der dynamische Charakter der Kohle hat, wie Richter richtig bemerkt, bei den Aerzten älterer Schule noch viel Dunkles. Wir sehen aber diese Dunkelheit zur aegyptischen Finsterniss sich allmälig steigern durch die divergirenden, ja sogar diametrisch entgegengesetzten Ansichten der Autoren über die pharmacodynamische Einwirkung der Kohle.

Das bezog sich auf die Anwendung nach den Regeln der Homöopathie, wo die pulversierte Kohle mit Milchzucker verrieben (potenziert) und so verdünnt wurde, dass eigentlich kein Molekül der Ursprungssubstanz im Medikament mehr sein konnte. Auch heute noch ist eine unübersehbare Zahl von Tabletten, Globuli und sogar alkoholhaltige Tropfen im Handel.

Über älteren Erfahrungen weiss er:

Der medicinische Gebrauch der Pflanzenkohle war den alten griechischen und römischen Aerzten nicht unbekannt. Denn schon 300 Jahre vor Christi Geburt beschreibt Theophrastus die Bereitung der Brennkohle. Die zu Kohlen gebrannten Dattelkerne, Olivenblumen und Blätter, sowie das gebrannte Ebenholz dienten nach Dioscorides äusserlich bei verschiedenen Augenkrankheiten; Plinius spricht von dem Gebrauche der Eichenkohle gegen den Carbunkel, so wie der Olivenkohle gegen schlimme Geschwüre. Die arabischen Aerzte benutzten unter dem Namen Antispodium die verkohlte Wurzel einer Rohrart, Canna, und dieselbe wendeten sie zur Verfertigung von Gefässen an, in denen man Wein und Wasser aufbewahrte. Es sind dies die ersten historischen Andeutungen von der Wirksamkeit der Holzkohle, das Wasser vor Verderben zu schützen, was erst 1785 Lowitz in Petersburg näher lehrte und von welcher Zeit an auch die neuere Anwendung der Holzkohle in der Medicin bekannter und beliebter wurde.

  • Tobias Johann Lowitz, ca. 1790 Quelle: Fürth Wiki

    Lowitz gilt als Entdecker der Absorptionsfähigkeit der Holzkohle, die er systematisch untersucht hat. Er empfahl Holzkohle zur Behandlung von Wodka, Zucker und Wasser. Das war nur einer seiner vielen Beiträge zur Naturwissenschaft. Die Deutsche Biographie schreibt: »Er begnügte sich nicht mit der Ausnützung seiner Entdeckung für die Weinsäuregewinnung, sondern prüfte systematisch die Anwendungsmöglichkeiten der Holzkohle als Reinigungsmittel. Dabei zeigte sich, daß neben Salzlösungen auch Pflanzensäfte und Öle entfärbt und überdies auch desodoriert und entkeimt werden konnten. Besondere praktische Bedeutung erhielt das Verfahren L.s für die Trinkwasseraufbereitung (insbes. bei der Marine) und die Entfuselung von Schnaps. L. wurde nicht die ihm dafür gebührende Anerkennung zuteil, vielmehr zeichnete die kaiserl. Akademie 1794 Gratschew mit einem Preis für ein Entfuselungsmittel aus, das auf Holzkohle basierte.«

Es dauerte aber noch Jahrzehne bis die Holzkohle anerkannt wurde. 1843 heisst es in Band 90, Nr. LXXXII. (S. 369–373) von Dinglers Polytechnischem Journal:

Jetzt behauptet unter den besagten Reinigungsmitteln die Kohle den ersten Rang. […| Am häufigsten wird die gewöhnliche Fichtenkohle, wie sie von den Köhlern überall in Masse zugeführt wird, verwendet, obschon man gefunden hat, daß die Kohlen von verschiedenen Holzarten eine ungleiche reinigende Kraft besitzen, und daß hierin die Lindenkohle sich am meisten auszeichnet.

Es ist aber keineswegs gleichgültig, in welchem Zustande und auf welche Weise man die Kohle anwendet. Fein gepulvert leistet sie dieselben schlechten Dienste, als wenn man sie in groben Stücken anwendet. In ein grobkörniges gleichförmiges Pulver verwandelt, zeigt sie sich am wirksamsten.

Französische Annalen für die allgemeine Naturgeschichte, Physik, Chemie und Physiologie, 1803 Zweiter Band, V. Stück, Seite 70

Bertholet lehrte zuerst das innere Verkohlen der Fässer, um darin Wasser lange vor der Fäulnis aufbewahren zu können, welches für Seefahrer von grosser Wichtigkeit ist. Die Beobachtung, dass durch das Vermischen und Destilliren des fauligen Wassers durch und mit Kohle dasselbe trinkbar gemacht werden kann, erzeugte bei Smith und Cuchet die neue Construction der Filtrirmaschinen. Crell (Chem. Annal. L 293) machte zuerst 1786 darauf aufmerksam, dass man die Kohle benützen kann, um das faulende Fleisch wieder geniessbar zu machen und den üblen Geruch von Cloaken zu verbessern.

Bei einer Faulfieberepidemie zu Genf umgab man alle Särge der Verstorbenen, ehe man sie mit Erde bedeckte, mit Kohle. (Hufelands Journ. Bd. 21. 187). Von besonderem Interesse sind die von Osiander (Frorieps Notizen I. 166 ) mit der Kohle zum Aufbewahren verschiedener Gegenstände angestellten Versuche. Sie lehren wie man thierische Körper dadurch in weit kürzerer Zeit als auf dem nassen Wege in Adipocire verwandeln und Leichen ohne fauligen Geruch über der Erde erhalten kann.

Aubert machte 1806 (Allg. med. Annal. 5 36) die schöne Entdeckung, dass durch die Kohle, die Kuhpockenlymphe von der Fäulniss abzuhalten sei. Er umgab nämlich die Gläser, worin diese aufbewahrt wurden, ganz mit Kohle, wodurch die Impfungsfälligkeit der Lymphe über zwei Jahre erhalten wurde. 1815 schlug Chretien (Consideration sur les moyens de rapeller d’la vie les enfans qui naissent asphixeée zur Wiederbelebung scheintodter Kinder vor, in der Gegend des Herzen eine glühende Kohle einige Linien entfernt gegen die Haut zu halten. — Die erzielte Wirkung kann hier mehr der Kohle all der Glühhitze zugeschrieben werden, um so mehr, da bekanntlich das Tröpfeln von heissem Siegellack auf die Herzgrube selten von erwünschtem Erfolge ist.

Im Laufe der Zeit ist vieles davon in Vergessenheit geraten oder nur bruchstückhaft überliefert worden.

Teilweise wird es im Zusammenhang mit dem Modetrend, alle möglichen Nahrungsmittel mit Aktivkohle zu versetzen, wieder zitiert. Einige Lifestyle-Magazine haben das Thema schon entdeckt. Gala enthüllt das »Beauty-Geheimnis: Aktivkohle« und empfiehlt medizinische Kohle sowohl innerlich angewandt zum Entgiften, als auch als Maske gegen Pickel und fettige Haut. Elle stellte schon 2015 als »Detox Trend« Fruchtsäfte mit Aktivkohlezusatz vor.

Aber inzwischen mehren sich die Zweifel, ob das simple Untermischen von Aktivkohle in vorgefertigte Kosmetika oder Lebensmittel den versprochenen Effekt haben kann und ob nicht eher andere reichlich vorhandene Komponenten die Poren der Kohle verstopft haben, bevor sie mit dem Körper in Berührung kommt. Hingegen mag reine Aktivkohle, als Tablette oder Pulver, durchaus wirksam sein.

Roland Schnell

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